Das deutsche Energiewendeweb

Das deutsche Energiewendeweb

Die bisherigen Beiträge auf energiewenderadar hatten einen Fokus auf der inhaltlichen Analyse der Energiewende im Web. Um Themenkonjunkturen zu verstehen, macht es aber Sinn, zu verstehen, wo im Web der Diskurs über die Energiewende stattfindet. Gibt es so etwas wie ein “Energiewendeweb”? Auf welchen Websites im Netz findet der Diskurs statt? Und wie kann man diesen Bereich in thematische Communities ordnen?
Mit unserer Technologie zur Analyse von Vernetzungsstrukturen haben wir das deutsche Energiewendeweb visualisiert.

Die zentralen Communities des Energiewende-Webs

Der Kern des deutschen Energiewende-Webs besteht aus 6 Communities. Als Kern sind diese Communities deshalb zu bezeichnen, weil auf Ihnen am meisten Content mit Bezug zum Thema Energiewende zu finden ist, bzw. diese Seiten sich exklusiv dem Thema widmen.

  • Umwelt, Nachhaltigkeit und NGOs
  • Erneuerbare Energien
  • Lobby und Verbände
  • Energieversorger
  • (Staatliche) Institutionen
  • AKW-Gegner
Struktur im Chaos. Communities im Web bilden sich auf der Basis von Interessen, Themen und entsprechenden Verlinkungsmustern. Das Energiewendeweb besteht aus 6 Kerncommunities.

Struktur im Chaos. Communities im Web bilden sich auf der Basis von Interessen, Themen und entsprechenden Verlinkungsmustern. Das Energiewendeweb besteht aus 6 Kerncommunities.

 

Die grüne Webcommunity als Brückenkopf

Eine isolierte Betrachtung der Kerncommunities mit Bezug zur Energiewende macht wenig Sinn. Spannend wird es, wenn man als Referenzpunkte weitere Communities in die virtuelle Karte aufnimmt, die für den Energiewendediskurs im Web eine Rolle spielen könnten. Daher haben wir sowohl die politische Weblandschaft als auch die wichtigsten Medien in die Visualisierung aufgenommen.

Die erste visuell sichtbare Erkenntnis ist, dass Webseiten und Blogs mit politisch grüner Tendenz am Nächsten dran sind an den Kerncommunities des Energiewendewebs. Die Energiewende als originär grünes Thema spiegelt sich also auch strukturell im Web wider. Die grüne Webcommunity stellt eine Art „Brückenkopf“ zwischen den Kerncommunities und anderen politischen Lagern im Web dar. Vor allem zur Community Öffentlicher Diskurs, d.h. Websites und Blogs, die sich keiner politischen Richtung klar zuordnen lassen, die aber Teil der politischen Netzöffentlichkeit sind und auch das Zentrum der Visualisierung bilden (Blogs und Websites wie spreeblick.com, politik.de oder ruhrbarone.de).

Strukturell befinden sich Websites mit politisch grüner Färbung in direkter Nachbarschaft zum Energiewendeweb.

Strukturell befinden sich Websites mit politisch grüner Färbung in direkter Nachbarschaft zum Energiewendeweb.

 

Liberale und Linke im Web weit weg von der Energiewende

Politisch liberale und linke Websites (dunkelrot und gelb) sind weit entfernt von den zentralen Communities des Energiewende-Webs (hellblau).

Politisch liberale und linke Websites (dunkelrot und gelb) sind weit entfernt von den zentralen Communities des Energiewende-Webs (hellblau).

Interessanterweise sind konservative politische Websites, also CDU/CSU-nahe Seiten udn Blogs weiter entfernt vom Energiewendeweb, liberale und linke sogar fast ohne strukturelle Nähe zu den zentralen Energiewende-Seiten. Sozialdemokratische Seiten – Zufall oder nicht? – wirken räumlich insgesamt etwas isoliert. Die linke und liberale politische Community befindet sich damit (auch) im Web weit weg vom Thema Energiewende. Übertragen könnte man sagen, die liberale politische Community schafft es nicht, das Thema Energie für sich zu besetzen.

Wer sind die Influencer im Energiewendeweb?

fazWer wissen will, wie einflussreich eine Website im Netz ist, kann sich am sogenannten Google Pagerank orientieren. Der PageRank-Algorithmus bestimmt die Linkpopularität einer Seite. Das Grundprinzip lautet: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso höher ist das Gewicht dieser Seite. Nach diesem Prinzip funktioniert auch unsere Methode. Mit dem Unterschied, dass wir ein begrenztes Set an Webseiten (1544) speziell für das Thema Energiewende zusammengestellt haben, weil auf diesen Seiten Content dazu zu finden ist. Auch in der Karte bestimmt sich der Einfluss einer Seite durch ihre Verlinkungsstruktur innerhalb des Sets. Je zentraler ihre Position insgesamt, bzw. innerhalb einer Community, desto sichtbarer und einflussreicher ist sie für das Thema der Karte. Da auf Medien beispielsweise sehr stark verlinkt wird, ist eine Seite wie faz.net zentraler und erhält sehr viele eingehende Links (rot).

“Klassische” Energieversorger, ihre Lobby und Instutionen eher unbedeutend

Ein Zoom auf die Verlinkungsmuster von Websites der großen Energieversorger EnBW, eon, RWE und Vattenfall, der Energielobby und wichtiger Institutionen wie der Bundesnetzagentur  ist ernüchternd. Die Versorger befinden sich zwar im Zentrum des eigentlichen Energiewendewebs, werden aber kaum verlinkt. Auf die Website des BDEW wird aus den meisten Communities ebenso wenig verlinkt. Die Seite der Bundesnetzagentur ist fast nur innerhalb der Community Institutionen verlinkt.

Auf die Website von EnBW wird wenig verwiesen. Viele Links kommen von AKW-Gegnern (rechts oberhalb)

Auf die Website von EnBW wird wenig verwiesen. Viele Links kommen von AKW-Gegnern (rechts oberhalb)

BUND und klimaretter.info schlagen Energieversorger beim Einfluss

Wenn man einen genaueren Blick auf die Energieversorger und ihre Position im Beziehungsgeflecht der Energiewende-Community sieht, fällt Folgendes auf: Einerseits beteiligen sie sich nicht am Webdialog in Form von Verlinkungen zu anderen Seiten der Community und andererseits werden sie nur bedingt als authentische Informationsquelle für Energiewende-Interessierte herangezogen. Vernetzungstechnisch empfangen RWE, Vattenfall, EON und ENBW genauso viele Links zusammen wie z.B. der BUND als einzelne Seite.
Ebenso gut verlinkt ist ein weiterer wichtiger Player im Energiewendediskurs. Das Onlinemagazin klimaretter.info. BUND und klimaretter.info haben sich anscheinend für die Energiewende einen Ruf im Web erworben, weil sie wichtige Inhalte zur Verfügung stellen oder sich in die Diskussion einbringen und deshalb gerne auf die verwiesen wird. Zudem wirkt die BUND-Seite z.B. als Hub zwischen der Energiewendecommunity (blauer Kasten) und der grün-ökologischen Community (grüner Kasten). Das bedeutet auch, dass Nachrichten und Themen, die auf der BUND Seite und bei klimaretter.info gelesen und initiiert werden, theoretische eine höhere Reichweite und Aufmerksamkeit in andere Communities hinein bewirken können.

bund

klimaretter.info bekommt Links von verschiedenen Communities im Energiewendeweb.

klimaretter.info bekommt Links von verschiedenen Communities im Energiewendeweb.

Erneuerbare Energien-Lobby mit hohem Einfluss im Web

Auf der anderen Seite gibt es die Portale und Websites von Lobby und Verbänden der Erneuerbaren Energien-Branche. Diese Seiten werden im Energiewendeweb sehr gut verlinkt. Seiten wie unendlich-viel-energie.de, solarwirtschaft.de oder geothermie.de zählen damit auch zu den wichtigen Influencern.
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Fazit: Inhalt kombiniert mit Einfluss macht’s

Die Seite fdp.de ist weit weg vom Energiewendeweb und wird von dort auch nicht verlinkt.

Die Seite fdp.de ist weit weg vom Energiewendeweb und wird von dort auch nicht verlinkt.

Es gibt eine “Energiewendecommunity” mit unterschiedlichen Akteuren und Interessen auch im Web. Mit Hilfe der Verlinkungsanalyse ist es möglich, die Grundstrukturen des Energiewendewebs zu erkennen sowie die Influencer in den jeweiligen Communities zu bestimmen. Influencer wird man nicht über Nacht, den Ruf im Web muss man sich erarbeiten. Anhand der Beispiele lässt sich erkennen, dass dafür nicht unbedingt PR-Budget der entscheidende Faktor ist, sondern die inhaltliche Glaubwürdigkeit, die eine Webseite, ein Blog vermittelt. Aber auch der Verweis in Form von Links aus anderen Communities macht Einfluss und Reichweite in einem Diskurs aus. Mit anderen Worten, wenn man in einer Community nicht existiert, keine Verbindungen knüpft und somit in der Community keine Reputation hat, wird es schwierig Agenda-Setting zu betreiben oder Diskussionen und Themen zu entwickeln. Die FDP-Webseite kann als Beispiel dafür gesehen werden. Es gibt so gut wie keine Verbindungen im Web, dadurch wird die FDP in der Energiewendecommunity als Akteur kaum existent sein.

 

AUTOREN: René Kaufmann, Oliver Tabino

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